Szene aus Fritz Dannenmanns Filmdoku zu Winand Victor mit einem Selbstporträt des Künstlers.           FOTO: KNAUER

 

Filmpremiere – Fritz Dannenmann vom Reutlinger Film-Club legt ein Porträt des Künstlers Winand Victor vor

 

Im Spiegel von Werken und Weggefährten

       

VON ARMIN KNAUER

 

 

ENINGEN. Ein GEA-Artikel gab den Anstoß für ein Projekt, das den Amateur- filmer Fritz Dannenmann ein Jahr auf Trab hielt. Der Artikel wies auf eine Ver- nissage in Reutlingen im Januar 2018 hin. Es ging um den 100. Geburtstag des Künstlers Winand Victor, der wenige Jah- re zuvor 96-jährig gestorben war. Dan- nenmann ging hin, fand die Galerie Rein- hold Maas gestopft voll vor. Kunstbegeis- terte, Sammler, Weggenossen des Künst- lers, alle waren sie da. »Da hatte ich Blut geleckt.« Vor Dannenmanns geistigem Auge formte sich ein neues Filmprojekt. Der Lebensbogen eines Künstlers im Spie- gel von Werken und Zeitzeugen.

Fast ein Jahr drehte Dannenmann, unterstützt von zwei Kollegen vom Reut- linger Film-Club, dessen Vorsitzender er ist. Am Freitagabend wurde das Ergebnis im Kult 19 in Eningen vorgestellt. Eingela- den hatte der Verein Eninger Kulturwege. Mit dabei im urigen Saal viele, die im Film vorkommen: Sammler Bert Wagner etwa, Galerist Reinhold Maas oder Winni Victor, die Tochter des Künstlers.

Dannenmann, einst Lehrer an der Eichendorff-Realschule, später Dozent an den PHs in Reutlingen und Heidelberg, nun im Ruhestand, hat tief geschürft. Hat sich Zeit genommen für die Interviews. Herausgekommen ist ein 45-minütiger Lebensbogen, der ein Gespür für die Hauptperson vermittelt, die nicht mehr selbst auftreten kann – und doch unsicht- bar stets präsent bleibt.

(Siehe oben)

 
Der Bogen setzt ein mit Victors Stu- dienjahren in Düsseldorf, die 1940 durch seine Einberufung zum Kriegsdienst jäh enden. Rupert Hausner lässt als Sprecher klar und ruhig Stationen und Daten vor- überziehen. Winni Victor verdeutlicht die Traumatisierung ihres Vaters durch Krieg und Gefangenschaft. Bilder wie »Ankunft vor der Stadt« mit einem einbeinigen Kriegsheimkehrer sind von dieser Erschütterung geprägt. Auch durch die Faltblätter der »Telegramm-Gruppe« in den 50ern, zu deren Aktivisten Victor gehörte, zieht sich das Entsetzen vor dem Krieg, das Ringen um Frieden. Reinbert Tabbert, Sammler und Weggefährte, erläutert das Wirken dieser Gruppe.

 

Sammler kommen zu Wort. Bert Wag- ner etwa, bei dem Victor immer mal wie- der zum Kaffee vorbeischaute, um nach seinen Bildern zu sehen. Oder Charlie Degen, mit dem Victor zu den Spielen des VfB Stuttgart ging. Beim Blick vom Sta- diondach soll Victor die Idee für seine »Ameisenbilder« gekommen sein, die Menschengruppen aus großer Höhe zei- gen. Dannenmann zoomt nah heran an die Befragten, lässt ihre emotionale Ver- bundenheit mit Victor spürbar werden.

 

Maler der leidenden Erde

Dazu kommen Bildanalysen. Von Veronika Mertens, der Direktorin des Kunstmuseums Albstadt, mit dem Victor viel zusammenarbeitete. Oder von Maren Keß-Hälbig, Mitarbeiterin am Kunstmu- seum Reutlingen, das viele Victor-Werke in seiner Sammlung hat. Die Künstlerin Brigitte Wagner setzt sich mit einem Por- trätbild auseinander, das Victor von ihr selbst gefertigt hat.

Kontur gewinnt bei alldem ein Künst- ler, der nicht nur den Krieg verarbeitete, sondern auch die ökologische Bedrohung vorausahnte. Der »die leidende Erde« mal- te, wie ein Kritiker schrieb. Der die Ein- samkeit des modernen Menschen in der Großstadt einfing. Der aber auch Kirchen- räume durch von ihm entworfene Beton- glasfenster zum Leuchten brachte.

Einer, der mit Material experimentier- te, war Victor allemal – bis hin zu den

 

Scherenschnitten seiner letzten Jahre. Dannenmann hat mit der Kamera Wand- teppichen nachgespürt, die Victor ent- warf und von Webkünstlerin Gertrud Bernhardt realisieren ließ: im Kranken- haus Bad Urach; im Vortrags-saal des Reut- linger Klinikums, wo er normalerweise von einem Vorhang verdeckt ist; im Vor- tragsaal der Kreissparkasse Ravensburg.

So wird in Dannenmanns Film der Mensch Winand Victor greifbar, dieser ruhige, sensible Mitbürger, der doch immer die Verbindung mit anderen such- te. Und es wird seine Kunst greifbar, bis hin zu den kosmischen Streifzügen seines Alterswerks: Weite atmenden spirituellen Meditationen, die auf geheimnisvolle Weise immer das Menschliche spüren las- sen. Er war ein großer Humanist, dieser Winand Victor. Und Dannenmanns Film ist eine berührende Hommage an diesen Humanisten. (GEA)

 

FILM UND AUSSTELLUNG      

Fritz Dannenmanns Filmdoku über Winand Victor ist am kommenden Samstag, 16. November, um 17 Uhr noch einmal in der Galerie im Fehloch- hof bei Meßstetten zu sehen, wo gerade eine Ausstellung von Detlef Willand läuft. Eine 15-minütige Kurzfassung ist auf Youtube abrufbar. Die Reutlinger Stadtbibliothek zeigt noch bis 16. November eine Ausstellung zur Tele- gramm-Gruppe. (GEA)